Montag, 21. Mai 2007

Zu Fuß entlang des hessischen Radfernweges R6


Schon lange im Hinterkopf hatte ich das Vorhaben von Hochheim aus bis nach Worms hinunter zu laufen. Das hessische Ried bietet hierzu eine reizvolle Route durch die schöne Auenlandschaft und Naturschutzgebiete entlang des Rheins, den hessischen Radfernweg R6, dessen Beschilderung man auf etwa 380 Kilometern vom nordhessischen Diemelstadt bis fast nach Mannheim folgen könnte.

Meine Mutter wollte wieder in Urlaub fliegen und ich fahre sie dann immer an den Fraport und parke ihr Auto dann bis zu ihrer Rückkehr bei mir zuhause. Der Abflug war dieses Mal für mitten in der Nacht angesetzt und ich hatte Urlaub, also dachte ich, dass das die Gelegenheit wäre, um endlich meine Rheintour zu realisieren und abschließend meine Mutter an den Flughafen zu bringen. Mein Rückweg wäre somit gesichert und meine Mutter müsste nicht nachts erst zu mir heim fahren, damit ich sie dann zum Flughafen bringen kann.
Ich rechnete mit einer Tourlänge von vier Tagen, nachdem ich mir den Verlauf einige Male auf Google Earth und dem Kartenmaterial von Magicmaps angeschaut hatte. Im Nachhinein wäre ich vielleicht noch etwas vorsichtiger mit der Kalkulation, aber dazu später.

Ich startete am Vatertag im Nieselregen, nachdem ich zum xten mal meinen Rucksack auf Vollständigkeit überprüft hatte. Nach einigem Hin und Her hatte ich zuhause entschieden, dass ich meine Outdoor-Klamotten mit Bike-Klamotte kombiniere. Als Ersatz für eine nicht vorhandene Softshell trug ich also über einem Funktionsshirt eine Gore Windstopperjacke und als Wetterschutz dann lediglich eine Regenjacke. Alle drei Lagen zusammen waren mir dann unterwegs sogar schon zu warm, aber durch die Windstopperjacke brauchte ich kein zusätzliches Fleece mehr.

Ich lief von Massenheim nach Hochheim und dann Richtung Main. Diesen überquerte ich an der alten Kostheimer Staustufe. Dann suchte ich mir meinen Weg durch Gustavsburg in Richtung Ginsheim und Rhein. Schließlich gelangte ich auf dem Rheindamm auf den R6, dem ich
zu folgen beschloss. Wie immer, wenn man auf einem gut frequentierten Weg mit dem Trekkingrucksack unterwegs ist, kam ich auch hier bald wieder mit Leuten ins Gespräch und bekam viele gute Wünsche und die bestgemeinten Tipps. So auch von einem, der mir mit seinem Elektromobil für Gehbehinderte begegnete und von früher erzählte, als er noch selbst mit dem Rucksack unterwegs gewesen und sogar bis nach Griechenland getrampt sei. Ich mit meinen gerade mal 39 Jahren sei ja noch jung und solle es genießen.

Auf meinem weiteren Weg begegnete ich immer wieder kleinen Gruppen von "Vätern", die mit ihren Fahrrädern auf Tour waren und je später der Tag, um so unsicherer war so mancher von denen auf seinem Drahtesel unterwegs. Der Eine oder Andere hatte dann auch schon mal unfreiwillig den Dammweg verlassen und schoss die Böschung hinab in einen Acker, oder kollidierte mit einem seiner Feierbrüder. Da wurden Schutzbleche wieder zurecht gebogen, Pflaster verteilt und mir dann auch noch angeboten, dass man mich gerne mitnehmen könne, wenn mir das Laufen mit dem großen Rucksack zu viel werden würde. Klar, auf dem Gepäckträger eines Fahrers ohne jegliche Koordination. Ich lehnte jedenfalls freundlich dankend ab.

Aus irgend einem Grund hatte ich es vorgezogen, meine Trekkingstöcke an diesem Tag nicht zu benutzen, obwohl ich genau weiß, dass es mit Rucksack und Stöcken erheblich angenehmer zu laufen geht. So kam dann auch irgendwann der Punkt, wo es echt anstrengend wurde. Noch immer verlief der Weg entlang des Damms und zu beiden Seiten kam kein geeigneter Platz in Sicht. Ich wollte eh einen Platz am Wasser, um mir neue Vorräte heraus zu filtern. Also lief ich weiter, bis ich rechts einen Feldweg vom Damm abgehen sah. Diesem beschloss ich dann einfach mal zu folgen und zu schauen, wo er mich hinführen würde. Lange würden mich meine Beine an dem Tag nach über fünf Stunden Laufen auf jeden Fall nicht mehr tragen.
Der Weg verlief ein Stück entlang eines kleinen Bachs, dessen Ufer allerdings steil und völlig zugewuchert waren. Kein guter Platz für ein Zelt, oder um Wasser zu schöpfen. Dann hörte der Weg plötzlich an einer Baumhecke auf. Hier gab es einen kleinen und engen Trampelpfad hindurch, den ich einfach mal versuchen wollte, aber hinter dem Gestrüpp fand ich nur eine fast brusthohe Wiese nassen Grases. Irgendwo sollte dieser Trampelpfad doch wohl aber hinführen, also schlug ich mich dort hindurch und stand nach einer weiteren Baumhecke plötzlich mit klitschnassen Hosen an einem hergerichteten Angelplatz direkt am Altrhein. Manchmal muss man einfach etwas Glück haben. Also baute ich das Zelt auf und kochte mir etwas Tee und eine heiße Mahlzeit, bevor ich den Abend mit einem Buch langsam ausklingen ließ.

Der nächste Morgen begann recht früh, da ich auch zeitig schlafen gegangen war. Der Altrhein war tief mit Nebel verhangen und das gegenüberliegende Ufer nicht auszumachen. Diese Stimmung war mir durch frühere Angelausflüge wohl vertraut und ich genoss die geisterhafte und unwirkliche Stimmung. Nachdem ich gefrühstückt hatte und meine Wasservorräte aufgefrischt waren, packte ich zusammen und begab mich gegen 7:30 Uhr zurück auf den Damm. Dieses Mal hatte ich aber zum Durchqueren der feuchten Wiese meine Regenhosen an.
Ich folgte weiterhin dem R6 und genoss das Gefühl der Einsamkeit und Ruhe am Morgen. Um mich herum war die ganze Landschaft mit Nebel verhangen und vermittelte fast den Eindruck, als sei die Zivilisation weit entfernt. Irgendwann führten mich die Wegweiser vom Damm herab auf einen Feldweg, dem ich gespannt folgte. Je weiter ich aber kam, um so unsicherer wäre ich gewesen, auch tatsächlich noch dem Radweg R6 zu folgen, wenn nicht immer wieder ein Wegweiser darauf hingewiesen hätte. Diesen Wegabschnitt hätte ich mit dem Rad nicht befahren wollen. Es blieben bald nur noch zwei Radfurchen, die mit fast brusthohem Gras
umwachsen waren. Das war dann natürlich auch wieder nass. Meine Regenhosen waren zu diesem Zeitpunkt natürlich bereits wieder im Rucksack verstaut und ich versuchte einfach, die nassen Hosen zu ignorieren.
Irgendwann gelangte ich dann auf einen asphaltierten Weg. Der Nebel hatte sich vollends verzogen und die Sonne strahlte. Es wurde richtig warm und ich war froh, als ich bei einem Campingplatz einen Weg direkt ans Rheinufer fand. Hier war ein winziges Stückchen Sandstrand und irgendwer hatte sogar eine kleine improvisierte steinerne Bank hinterlassen. Hier machte ich dann erst einmal Rast und filterte auch gleich wieder Wasser für meine Vorräte, bevor ich mich wieder auf den Weg machte.
Ich war richtig froh, als ich am Kornsand den Asphalt wieder verlassen konnte. Von hier führte der R6 nun direkt am Rhein entlang, vorbei am Zeppelingedenkstein und dann wieder auf dem Damm weiter in Richtung Kühkopf. Ich hatte mir vorgenommen, an dem Tag so viel Strecke wie möglich zu machen, da ich einerseits einen Zeitplan einzuhalten und andererseits gemerkt
hatte, dass sich der Weg doch scheinbar mehr zog, geplant. Als der R6 am Kühkopf wieder vom Damm herab führte, entschied ich mich dazu, auf dem Damm zu bleiben. Ich dachte, dass dies doch der schnellere Weg sein könnte und hätte diesen Altrheinarm am liebsten noch vollständig umrundet. Ich war jedoch schon seit dem frühen Morgen auf dem Füßen, lief schon die ganze Zeit in der Sonne und benötigte immer öfter Pausen, die ich nun jedes mal dann einlegte, wenn ich auf dem Damm eine Bank erblickte. Das Ende des Kühkopfes blieb aber nicht abzusehen, ein geeigneter Zeltplatz aber auch nicht. Als ich schließlich Erfelden erreichte, war ich völlig ausgelaugt. Am Ortsende entdeckte ich dann endlich einen Feldweg, der etwas abseits führte, und gelangte schließlich gegen 17:00 Uhr an eine kleine Lichtung direkt am Altrhein, die letztendlich Endstation meiner Tour sein sollte. Abends im Zelt war mein Körper total überhitzt und im Laufe der Nacht wurde mir sogar speiübel. Richtig schlafen konnte ich die ganze Nacht nicht und am Morgen bekam ich weder einen Bissen hinunter, noch brachte ich die Energie auf, um mein Lager abzuschlagen. An diesem Punkt musste ich leider die Notbremse ziehen und rief zuhause an. Glücklicherweise erreichte ich meinen Onkel, mit dem ich verabredete, dass wir uns auf der Landstraße treffen. Also raffte ich mich auf und lief weiter. Auf dem letzten Stück vor Stockstadt begegnete ich noch einem Tramp mit Rucksack und Hund, der innerhalb von drei Monaten aus Italien hoch gewandert war. Dabei war sein Rucksack erheblich leichter und kleiner wie meiner und als Wegzehrung führte er Dosenbier mit sich. So geht es natürlich auch. Für ein längeres Gespräch war mir leider zu übel, weshalb ich bald weiter lief. In Stockstadt begegnete ich dann glücklicherweise schon meinem Onkel, der mit sogleich mit Medikamenten und Tee von meiner Tante versorgte. Fast den gesamten Rest des Tages verbrachte ich mit Schlafen und dem Kampf mit meinem rebellierenden Magen. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Ofen, ich war völlig dehydriert und jede Bewegung schien mit schwer zu fallen.
Manche Fehler macht man hoffentlich nur einmal. Ich war den ganzen Tag gelaufen und hatte nur relativ kurze Pausen gemacht. Selbst als ich die erste Erschöpfung bemerkte, trieb ich mich weiter an. Ich suchte den ganzen Tag keinen Schutz vor der Sonne und trank nicht genug Wasser. Wie wir später nachschlagen konnten, hatte ich alle Anzeichen eines Hitzschlages. Nach einem Tag und einer Nacht Schlaf, einer Menge Flüssigkeit und vielen kühlenden Umschlägen für den Kopf ging es mir immerhin soweit gut, dass ich es zu meiner Mutter schaffte. Dort konnte ich mich vor der Fahrt zum Flughafen noch einige weitere Stunden ausruhen.

So schnell hat man sich durch einige leichtsinnige Fehler eine Tour vermiest.

Regionalweg R6

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